Von Markus Kilian

Markus ist Autor bei laut.de
17. April 2018

Radioformate und Musikdramaturgie

  • Die Kunst des Radio-Mixes
  • Etablierte Musikformate: Adult Contemporary (AC), Album Oriented Rock (AOR) u.a. 
  • Musikalische Parameter, Rotationsstufen und Stundenuhren 

Der erfolgreiche Musikmix

Egal ob aus der Stereoanlage, dem Autoradio oder den Computerboxen - Musik ist und bleibt das formatbestimmende Element populärer (Web-)Radios. Dabei bildet der Rundfunk aufgrund seiner bloß akustischen Präsenz das Nebenbeimedium par excellence – läuft es zumeist im Hintergrund und erreicht nur selten die ungeteilte Aufmerksamkeit der Hörerschaft. Doch als Tonspur für das Lebenskino belebt das Radio nicht nur so manche eintönige Alltagstätigkeit, sondern reguliert insbesondere die Stimmung des Rezipienten.

Dementsprechend fällt der richtigen Musikformatierung eine entscheidende Rolle zu. Während die Songauswahl bei Rundfunksendern maßgeblich von den Auswertungsergebnissen einer publikumsorientierten Marktforschung bestimmt wird, entscheiden in den Sphären der Webradios primär die verantwortlichen Musikredakteure bzw. DJs, welche Lieder in welcher Reihenfolge gespielt werden.

Abwechslung ist Trumpf!

Da Radiomusik in der Regel nur als Hintergrundkulisse wahrgenommen wird, soll sie einerseits eine gewisse Aufmerksamkeitsgrenze des Hörers nicht überschreiten. Andererseits soll der Musikmix eine gewisse Grundaktivierung sicherstellen, um die Rezeption von Radiojingles und inbesondere Werbebotschaften zu gewährleisten. Wenig überraschend lässt die Aufmerksamkeit des Hörers schneller nach, wenn Titel mit ähnlichen Merkmalen aufeinander folgen, daher sollten klanglich-strukturelle Kontraste und Wirkungsdynamiken für eine abwechslungsreiche Zusammenstellung der Musikprogramme berücksichtigt werden. Dafür muss jeder potentielle Radiotitel zunächst anhand verschiedener musikalischer wie außermusikalischer Parameter kategorisiert sprich "getaggt" werden.

Die Musikplanungssoftware MusicMaster

Im MusicMaster kann man 'brechbare' und 'unbrechbare' bzw absolute Regeln festlegen.
© MusicMaster

Musikalische und außermusikalische Parameter

Die primären musikalischen Parameter jedes Songs sind zahlreich und für die Musikformatierung unterschiedlich relevant. Essentiell (wenngleich nicht immer ganz eindeutig) bleibt dabei zuallererst die Einteilung in ein Musikgenre (z.B. Rock, Pop, Hip Hop usw.), die durch eine weitere Einordnung in verschiedene Subgenres (z.B. Heavy Metal, Elektropop, Trap usw.) nach Möglichkeit noch differenzierter ausfällt.

Das Tempo stellt zudem eine ausschlaggebende Eigenschaft jedes Musiktitels dar und lässt sich - teils abhängig vom jeweiligen Genre - als langsam, mittel oder schnell markieren. Auch hier bieten Tags mit BpM-Spanne darüber hinaus eine filigranere Kategorisierungsmöglichkeit.

Neben Genre- und Tempo-Zuordnung gliedern sich die Musikstücke außerdem in ihre klanglichen Gestalten: Nicht nur in Klangdichte und -reduktion unterscheiden sich verschiedene Songs, auch im Arrangement bzw. der Instrumentierung der Liedwerke finden sich Differenzen. So lebt eine Rocknummer in aller Regel von Gitarrenleistung, eine Pop-Ballade stellt das Piano ins musikalische Zentrum während der Hip Hop-Song eher auf eine ausgeprägte Basslinie setzt.

Sekundäre musikalische Parameter

Neben den objektiven musikalischen Gegebenheiten wie Genre oder Tempo fließen in die Ketgorisierung von Musiktiteln zudem sekundäre musikalische Parameter mit ein, die sich auf die subjektive Rezeption einzelner Songs beziehen. Jedem Track ist z.B. ein bestimmtes Level an Intensität inhärent, das vom Hörer ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit beansprucht. So benötigt die Rezeption einer komplexen Jazz-Nummer oder schneller Doppelreimketten im Rap in der Regel mehr Zugewandtheit des Hörers als die einer Vier-Akkorde-Ballade mit austauschbaren Lyrics im Popgenre.

Last but not least differieren die Stücke in ihrem Ausdruck (auch: Stimmung), der zugleich eines der gravierendsten Klassifizierungsmermale darstellt. Die Stationen der Gefühlspalette sind dabei selbstverständlich vielfältig und reichen vom altbewährten Dur/Moll-Dualismus (fröhlich vs. traurig) über Melancholie und Aggressivität bis hin zu Wut und Liebe.

Außermusikalische Parameter

Solo-Künstler, Duo oder Band? Die Anzahl der Interpreten stellt eine wichtige Kategorisierung für den jeweiligen Song dar. Darüber hinaus sollte zwischen dem Geschlecht des/der Interpreten unterschieden werden.

Da die Musiktitel innerhalb der Radioformatierung zeitlich organisiert sind, entscheiden auch auch praxisbezogene Merkmale über die Verwendung der Songs. So bestimmt die Länge des Intros bzw. Outros, ob sich das jeweilige Lied besser in ein angrenzendes Stück oder Gesprochenes faden (mischen) lässt. Auch das Pontial eines Songs, als Opener oder "Rausschmeißer" innerhalbeiner zeitlich begrenzten Tracklist zu funktionieren, kann getaggt werden. Zudem eignen sich bestimmte Songs aufgrund z.B. ihres Genres, Tempos, Stimmung oder Textes besser für bestimmte Tageszeiten (etwa belebendere Musik am Morgen), Wochenzeiten (z.B. "Ausgehmusik" am Wochenende) oder Jahreszeiten (Sommer- oder Weihnachtshits).

Bei auf Charts bezogenen Radioprogrammen müssen die Songs außerdem augrund ihrer Aktualität klassifiziert werden, die sich als wichtigstes Merkaml zumeist über die musikalischen Parameter stellt. Wie aktuell der jeweilige Song ist, teilen differente Kategorien (z.B. Kategorie 1 = aktueller Charthit, Kategorie 2 = Hit innerhalb der letzten zwei Jahre, Kategorie 3 = Hit der 2000er usw.) ein. Im Bereich genrebezogener Musikformatierung geht es weniger um die Aktualität eines Songs, vielmehr markieren die wichtigsten Repräsentanten des jeweiligen Genres bzw. des angestrebten Radioprogramms den Kern der Radioformatierung. Dementsprechend wird dabei ein Song, der voll für das Genreradio steht, z.B. In Kategorie 1 eingeordnet, während eine Randerscheinung der Musikrichtung z.B. in Kategorie 3 fällt.

Die Stundenuhr

Die Stundenuhr, auch Senderuhr oder Programmuhr genannt (engl: Broadcast Clock oder Hot Clock) teilt eine Radio-Stunde in verschiedene Segmente auf.

© gemeinfrei

Rotatiosstufen und Stundenuhren

Auf Basis der musikalischen Parameter sowie insbesondere der aktualitäts- bzw. genrebezogenen Klassifizierung erhält jeder Musiktitel eine Rotationsstufe, die genau festlegt, wie oft der jeweilige Titel im Musikprogramm auftritt. Beispiele für eine derartige Kategorisierung sind Rotationsstufen wie A = 3x täglich, B = 1x täglich, C = 1x wöchentlich und D = 1x zweiwöchentlich.

Für die Erstellung einer passenden Playlist spielt zudem die Definition von sogenannten Stundenuhren eine zentrale Rolle. Diese einstündigen Einteilungen des Radioprogramms sollen sich anhand der zahlreichen Song-Parameter bestmöglich an die unterschiedlichen Tagesphasen der Zielhörerschaft anpassen. Dies reicht von bezüglich Tempo, Aktualität und Genre eher belebenden Titeln für die Morgenstunden über leichte Unterhaltungsmusik am Tag bis zu abendfüllender Konzert- und Live-Musik, denn nur abends verfügt der interessierte Hörer in der Regel über ausreichend "Radiozeit".

Der Heilige Gral: Flow-Erleben mittels Alternation der Parameter

Die Kunst des gelungenen Radiomixes besteht nun darin, mittels einer ausgeklügelten Abwechslung der musikalischen wie außermusikalischen Song-Parameter ein ansprechendes Musikformat zu entwickeln. Ausgehend von den oben erläuterten Tag-Beschreibungen sollte bei aufeinander folgenden Songs dementsprechend mindestens eines der Merkmale wie Genre, Tempo, Interpretenanzahl, Stimmung, Aktualität, Intensität, usw. variiert werden. Im besten Fall stellt sich bei einer derartigen Musikformatierung das sogenannte “Flow-Erleben” beim Hörer ein.

Das heißt, der Rezipient befindet sich in einer Balance zwischen Bewältigung und Herausforderung des Musikmixes, zwischen Abwechslung und Konstanz, zwischen Anspruch und Überforderung. Der Großteil der populären Radiosender setzt die Messlatte an ihrer Durchschnittshörer allerdings lieber zu tief an, sodass sich die Titel im Zweifel eher wiederholen, bevor zu komplexe Musik (wie etwa E-Musik) die Bewältigungsgrenze des Rezipienten zu überschreiten droht.

Die Abwechslung von unterschiedlichen Musiktiteln soll allerdings nicht nur die potentielle Langeweile des Hörers verhindern, sondern zugleich innerhalb einer Stundenuhr ein möglichst facettenreiches Bild des Radioformats abbilden. Demgegenüber sollte der Musikmix in einem Zeitraum von etwa 20 Minuten jedoch genauso den Kern des Radioprogramms (bezogen auf Aktualität oder Genre) darstellen und damit sein “Sendeversprechen” einlösen.

Rotationsstufen

Aus verschiedenen Rotatiosstufen resultieren Häufigkeiten, in denen bspw 'Neuheiten oder 'Classics' gespielt werden.' 
© laut.ag

Etablierte Musikformate

In der Vergangenheit setzten sich zahlreiche Formate durch, die ihr Programm primär aufgrund der Aktualität und/oder Genrezuordnung der gespielten Songs gestalten. So bietet das populäre Adult Contemporary-Format (AC) in der Regel einen Mix aus den Hits der letzten 30 Jahre und richtet die meist melodiösen, “einfachen” Lieder aus Pop- und Rockgenre an eine erwachsene Zielgruppe. Durch eine Gewichtsverschiebung auf die jeweiligen Genres bildeten sich aus dem Adult Contemporary-Format außerdem Untervarianten wie z.B. Soft AC, das überwiegend ruhige Titel spielt. Auch die Aktualität der Songpalette rückt in Subformaten vermehrt in den Fokus, indem beispielsweise das Hot AC hauptsächlich Mainstream- und aktuelle (Chart-)Hits beinhaltet.

Als eine Zuspitzung des Hot AC lässt sich das Contemporary-Hit-Radio-Format (CHR) beschreiben. Mit seiner Reduktion auf die Top 40 liegen die Repertoiregrenzen zwar eng an, zugleich präsentiert dieses Programm stets eine höchst aktuelle Playlist. Auch das CHR-Format brachte wiederum Varianten hervor, die in verschiedenen Genres (z.B. Rock-CHR oder Dance-CHR) nach selbem Prinzip funktionieren.

Will man die “radiotauglichen” drei Minuten pro Stück überschreiten, bietet sich das Urban Contemporary-Format (UC) an. In der umfangreichen Mischung aus Soul, Funk, House und aktueller Rap- und R'n'B-Musik ist der zugrundeliegende Musikpool größer als etwa beim AC-Format und lässt sich dementsprechend in Subformate wie Black UC, Funk UC oder Dance UC untergliedern.

Als eine Art Gegenreaktion zu den AC- und CHR-Formaten entwickelte sich das Album-Oriented-Rock-Format (AOR), dessen progressive Rockmusik in der Regel zahlreiche Albumtitel aufweist, die nicht in den Charts oder als Single-Auskopplung erschienen. Subformate der Album basierten Programme greifen z.B. auf die Genres Classic Rock oder Heavy Metal zurück.

Das Oldie-Format funktioniert gewöhnlich ähnlich wie das AC-Format, konzentriert sich jedoch auf populäre Titel eines bestimmten Jahrzehnts oder eines sonst festgelegten Zeitabschnitts, z. B. die der 50er Jahre (Rock’n’Roll), 60er Jahre (Beat) oder 70er Jahre (Disco-Musik).

Im Unterschied zu den populären Radioformaten liegt der Fokus des Middle of the Road-Formats (MOR) auf das Vermeiden aller Extreme bezüglich Aktualität, Genre usw. Wie der Name schon verrät, sendet dieses Format somit von allem ein bisschen, aber von nichts zu viel. Die gespielten Musiktitel fächern sich entsprechend weit und zeichnen sich durch vermehrt ruhige sowie nicht zu alte aber auch nicht zu neue Songs aus.

Neben den auf Aktualität ausgelegten Formaten etablierten sich außerdem viele Genre spezifische Radioprogramme, die ausgehend von der jeweiligen Musikrichtung ihre Playlists relativ unabhängig von Aktualität bzw. Popularität der Musikstücke aufstellen. Die Bandbreite der vertretenen Genres reicht von Rock-, Pop-, Hip Hop- oder Dance-Varianten bis hin zu Klassik-, Jazz- oder Country-Formaten.

Surftipps:

http://www.radiozentrale.de/sender-und-plattformen/musikformate/

http://www.radioszene.de/formate.htm

https://www.radio-pr.de/ac-uc-aor-was-die-verschiedenen-radioformate-bedeuten/

https://www.radio-machen.de/

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